Chronik

Auszüge aus der Hirschsprunger Chronik

Seite 4: Besiedlungsgeschichte

 

Die erste und vorläufig älteste schrift - urkundlich belegbare Nachricht über den Landstrich, auf dem heute noch unser liebes Dörflein

H i r s c h s p r u n g

steht, stammt aus dem Jahre 1464, und zwar wurde die darauf bezügliche Urkunde am nächsten Montage nach dem heiligen Christtage - so ist der Datierungs - Wortlaut - auf der Burg Bärenstein vom Ritter Walzig von Bernstein errichtet, dem verdienstvollsten Vertreter des alten Rittergeschlechts der Bernsteins.-

Die Urkunde ist also knapp 500 Jahre alt. Man stand damals bereits am Anfang des Mittelalters und nur ganz wenige Jahre nach der für unsere Heimat so verhängnisvollen Husittenzeit, die mit ihren Nachklängen ja erst um 1452 ihr Ende erreicht hatte, also an unseren Tagen gemessen, in einem verhältnismäßig jungen Zeitalter. Gar manches hatte sich bereits vorher in geschichtlicher, frühgeschichtlicher und vorgeschichtlicher Zeit auf dem heimatlichen Boden ereignet, auf das eingehender einzugehen ich mir leider an dieser Stelle versagen muss. Nur einiges kann ich herausgreifen: ich beschränke mich auf das, was zum Verständnis des historischen Ablaufs notwendig ist.-

Vorausgeschickt seien zunächst die Ergebnisse der Forschungen über die früheren Namen der Landschaft, die wir unsere Heimat nennen. Der heute allgemein gebräuchliche und uns liebgewordene Name "Erzgebirge" ist nämlich durchaus nicht so alt wie es erscheint.-

 

Die erste unsichere Erwähnung unserer Heimat geschah schon vor Jahrtausenden durch die alten griechischen und römischen Geographen und Schriftsteller, und zwar wird nur ein großer Gebirgszug im Inneren des heutigen Deutschlands erwähnt, der sich von der Donau bis zur Weichsel erstreckte, also unser Erzgebirge mit umfaßte, und als Herzynisches Gebirge bekannt war. Etwas eingehender ist die Darstellung des Ptolemäus, des großen Geographen und Astronomen des Altertums, des kurz nach der Zeitenwende in Alexandria lebte und dessen Werke die Grundlagen für das gesamte astronomische Wissen des Mittelalters bildeten. Von ihm wurden erstmals 6 Hauptgebirge im Inneren Deutschlands erwähnt. Die Forschung nimmt an, daß unter dem von ihm als Sudeta bezeichneten Hauptgebirgs das Erzgebirge zu verstehen ist. Das Wort entstammt dem Sprachschatz der Kelten , jenem einst in Böhmen seßhaften indogermanischen Völkerstamme, der von den Germanen und Slawen unterjocht und vertrieben wurde und, bis auf geringe Reste in Westfrankreich und in Schottland, heute ausgestorben ist. Der uralte Namen "Sudeten "hat sich bis in unsere Tage fortgeerbt.- ......

 

Seite 7 f.

 

In der Mitte des ersten Jahrtausends setzt die Völkerwanderungszeit ein, der Drang nach dem Westen und Süden. Der auf unseren heimatlichen Boden seßhafte frühgermanische Völkerstamm der Hermannduren zog westwärts und verschwand von dieser Zeit ab aus der Geschichte. In das menschenleere Gebiet drangen von Osten her die Sorben ein und machten sich seßhaft, aber nur in den tiefer gelegenen Landesteilen. Das höhere Gebirge, also auch die Hirschsprunger- Altenberger Gegend scheuten auch sie; das heimatliche Erzgebirge mit seinen beiderseitigen Abhängen, im Norden etwa bis zu Linie Döbeln - Meißen und im Süden bis an den Fuß des Steilabfalls am Rande des böhmischen Talkessels, blieb weiter bis um das Jahr 1000 ein wildes und unbesiedeltes Waldland. Jahrzehnte nach ihrer Einwanderung drangen die Sorben vereinzelt in die Täler der Erzgebirgsflüsse aufwärts, dem Fischfange nachgehend. Ihre dabei enstandene südlichste Niederlassung in unserer Heimat ist Schlottwitz, nicht weit von Wilisch, dem Wolfsberg, der heute noch seinen, in jener Zeit entstandenen Namen trägt. Die Namen unserer heimatlichen Flüsse: Müglitz, Trebnitz, Biela, Prießnitz (bei Glashütte) usw. sind sorbischen Ursprungs. Sie deuten aber keinesfalls daraufhin, daß Sorben daran gesiedelt hätten. Sie sind vielmehr von ihren Mündungen aus benannt, die ja im großen Teil im Sorbenlande, dem uralten Sorbengau Nissaniliegen. Manche mögen auch von schweifenden Sorben benannt worden sein, die in den forellenreichen Flüssen und Bächen dem Fischfange nachgingen, ohne daran seßhaft zu werden. ......

 

Seite 15 f.

 

Im Jahre 1491 wurde eine Straße von Altenberg über Dippoldiswalde nach Dresden angelegt, die im Trakte der heutigen Landstraße über Hirschsprung - Falkenhain und dem Hohwald, und zur Umgehung der steilen Taldurchquerung bei der späteren Ladenmühle, auch westlich des Riesengrundes über die "Klinge" geführt wurde, wie es die neueren Forschungen des Oberbaurates Wiechel erwiesen haben.

Frühzeitig mündete bei der Überquerung der Hinteren Biela durch die Altenberg- Dresdner Straße die alte, heute verfallene oder zum Feld- oder Holzabfuhrwege herabgesunkene "Eisen- oder Zinnstraße" ein, die von Bergishübel (Gishobel) und den zahlreichen Hammerwerken in den Tälern der osterzgebirgischen Flüsse über Lauenstein, Bärenstein und durch den Gaschraum und dem Weigoldswalde hierher führte und weiter die Richtung auf Freiberg zu nahm. Die eindeutige Wegführung läßt sich noch heute an vielen Stellen unschwer feststellen. Sie überschritt in der Forstabteilung 4 die Vordere Biela durch eine Furt und stieß schließlich im Zuge des westlichen Teiles des heutigen "Hirschkopfweges" auf die Altenberg-Dresdner Straße bei der Ladenmühle.

Vom ansehnlichen Verkehr auf der einstigen Eisenstraße sprechen die teilweise noch erhaltenen tief ausgefahrenen Hohlwege des alten Straßentraktes. Ein Beispiel dafür ist der tiefe Hohlweg auf meinem elterlichen Gute im Oberdorf Bärenstein, durch das einst die Eisenstraße führte. Auf den benachbarten Hufengütern sind die für die Straße angelegten Durchstiche durch die Steinrücken heute noch erhalten. Im Müglitz- und Gottleubatal waren einstmals Hammerwerke in sehr grosser Zahl vorhanden; von den meisten ist freilich nur noch der Name erhalten. Es ist also begreiflich, daß auf der "Eisenstraße" ein flotter Verkehr herrschte.

Die alte Dresdner- und die Eisenstraße trafen also an der Stelle zusammen, an der heute am Fuße des "Ladenberges" dieLadenmühle steht. Über die Herkunft des Namens Ladenberg, der im Lande noch mehrmals vorkommt, auch als Ortsname "Ladung" und hier als Namensgeber für die Ladenmühle auftritt, gehen die Ansichten des Kulturhistorikers noch auseinander. Eine Meinung geht dahin, daß schwer befrachtete Fuhrwerke hier einen Teil ihrer Ladung absetzten, bevor sie den Berg hinauffuhren, oben weiter abluden und mit der leeren Fuhre ins Tal zurückkehrten, um die dort abgelagerte Ladungshälfte abzuholen. Wieder auf der Höhe angekommen, wurden die Ladungsteile erneut vereinigt und die Fahrt konnte fortgesetzt werden. Man brauchte zwar etwas mehr Zeit für die Fahrt, ersparte aber die Vorspanne und schonte die Zugtiere. Eine andere Deutung führte das Wort "Laden" auf eine sprachliche Umbildung des alten Wortes "Leite" zurück, womit man einen an einem Berghang hinführenden Weg bezeichnet, was für die Wegrichtung nach Falkenhain zutreffen würde. ......

Die hier vorliegende Chronik stammt von Arthur Klengel. Sie wurde im Jahre 1951 verfasst und ist die wohl bekannteste Hirschsprunger Chronik.