Gründung der Gemeinde Hirschsprung vor 175 Jahren

Das Gebiet des heutigen Hirschsprungs wurde ausgehend von der rasch aufblühenden Bergstadt Altenberg bald besiedelt. Um den Bedarf an Lebensmitteln für die wachsende Bevölkerung decken zu helfen, wurden in der Nähe der Stadt landwirtschaftliche Vorwerke erbaut. So errichtete 1541, der Amtmann zu Altenberg Werner von Nassau, ein Edelmann aus der Meißener Gegend, ein Vorwerk auf Hirschsprunger Flur. Die Gebäude baute man an dem Ort wo sich heute das ehemalige Forstamt Hirschsprung befindet. Dieses Vorwerk wurde 1549 zum Rittergut erhoben. Auf Grund der Höhenlage und der geringen Ernteerträge warf das Gut kaum Gewinne ab und wechselte oft den Besitzer. Das Gut betrieb an der Biela etliche Mühlen. Zur Ansiedlung von Arbeitskräften errichtete 1733 Adolf Schiebel im Tal der Hinteren Biela 4 sogenannte Drescherhäuser. Es müssen armselige Katen gewesen sein, aber die Grundstücke wurden später Ausgangspunkt für den Bau privater Häuser. 1789 wurde das Rittergut von einem Lehen- in ein Allodialgut umgewandelt. Der Besitzer erhielt damit das Recht Grundstücke zu verkaufen auf denen man private Häuser erbaute. So wurden von 1797 - 1805 fünf kleine Flächen zum Hausbau und dazu etwas Feld in der Hirschsprunger "Reihe" auf Erbpacht verkauft. Die Erwerber waren damals auch noch zu vielfältigen Frondiensten auf dem Rittergut verpflichtet.

Doch auch unter den Hirschsprunger Bewohnern griffen die freiheitlichen Gedanken zur Abschaffung der Feudallasten um sich, zumal die Bergleute in Altenberg solche Abhängigkeiten nicht kannten. 1830 kam es deshalb zwischen den Erbpächtern und dem Rittergut zu ernstem Streit, der vor dem Amtsrichter in Altenberg ausgetragen wurde. Die Lasten wurden sie zwar noch nicht vollständig los, aber die niedere Gerichtsbarkeit oblag künftig nicht mehr dem Rittergut. Für den Gemeindeverband Hirschsprung mit den Weicholdswälder Vorwerken* waren von nun an, der Ortsrichter Carl August Helbig und der Gerichtsschöffe Johann Christian Scharfe, beide hiesige Einwohner, zuständig.

1839 musste der letzte Besitzer des Rittergutes Johann Friedrich Klingsohr Konkurs anmelden, da er wirtschaftlich am Boden lag und sich auch kein neuer Käufer fand. Der Königlich Sächsische Staat kaufte den Besitz aus der Konkursmasse für 4455 Taler und richtete dort nach einigen Umbauten 1840 das Forstamt ein.

A. Klengel schreibt in seiner Chronik: "Etwas Gutes hatte das Rittergut trotz seines mitunter recht mühseligen 'Hinfristens' in 300 Jahren aber doch gebracht: Es hat der Nachwelt das trauliche Dörflein Hirschsprung beschert, das wahrscheinlich nicht vorhanden wäre, wenn nicht einstmals ein Vorwerk, das spätere Rittergut, am Rande des historischen Weicholdswaldes erbaut worden wäre."

Nun war die Zeit gekommen auch an die Gründung einer eigenen Gemeinde zu denken, um die vorwiegend land- und forstwirtschaftlich geprägten Interessen zu vertreten und die Zusammenarbeit in der Kirch- und Schulgemeinde mit Altenberg zu fördern. Zur Vorbereitung der Wahl des Gemeindevorstandes trafen sich deshalb am 5. März 1839 im Amtsgericht Altenberg beim Amtsrichter Heinrich Leopold Böttger die Hirschsprunger, Landsrichter Carl August Fischer, Vorwerksbesitzer und die Deputierten, Häusler Johann Christian Scharfe und Carl Gottlieb Köllner. Aus dem Einwohnerverzeichnis mussten die gesetzlich stimmberechtigten und wählbaren Personen dokumentiert werden. Nach den damaligen Bestimmungen kamen da nur 18 Personen in Frage: Vorwerksbesitzer, Hausbesitzer, Mühlenbesitzer und freie Berufe soweit sie lange ansässig waren und Heimatrecht besaßen. Frauen und andere familienangehörige Mitbewohner, Unansässige, Einwohner ohne Heimatrecht waren nicht stimmberechtigt. So war es vor 175 Jahren!

Am 25. März 1839 wurden die Stimmberechtigten ins Königliche Amtsgericht bestellt, um unter notarieller Aufsicht die Wahl im Konferenzzimmer des Amtsgerichts durchzuführen. Vorher wurde noch die Stimmberechtigung der Anwesenden einzeln festgestellt und dokumentiert, dass mehr als zwei Drittel der Hirschsprunger anwesend sind.

Die Auszählung ergab, dass der Herr Landrichter Fischer zum Gemeindevorstand und der Gemeindeschöffe Lohse zum Gemeindeältesten gewählt wurden.

Die eigentliche Gründungsveranstaltung fand am 15. April 1839 statt. Dazu erschienen der Amtsrichter und der Notar vom Königlichen Amtsgericht Altenberg in der Unterstube des Weicholdswälder Fischer- Vorwerks in der sich die Einwohner versammelt hatten, um die Einführung und Verpflichtung des Gemeindevorstandes und des Gemeindeältesten vorzunehmen. Nach der Bekanntgabe des Wahlergebnisses vom 25. März, das obrigkeitlich bestätigt worden war und sowohl Herr Fischer als auch Herr Lohse bereit waren diese Funktionen auszuführen, wandte sich der Amtsrichter an die Gemeinde: Die Anwesenden wurden angewiesen den gewählten Gemeindebeamten Achtung, Vertrauen und Gehorsam zu schenken. Letzteren legte er ans Herz ihren Obliegenheiten nach Kräften nachzukommen.

Das Gemeindebuch für die Protokolle wurde ausgehändigt und das Gemeindesiegel wurde binnen kurzer Zeit zugesichert. Die Gemeindeunterlagen sollen in einem Schränkchen im Vorwerk des Gemeindevorstandes aufbewahrt werden. Die Gemeindekasse soll der Gemeindeälteste verwalten.

Die Verpflichtung der beiden Gemeindebeamten wurde, dem Amtsrichter die Hand gebend, einzeln mit folgendem Eid gelobt:

Ich Carl August Fischer / Johann Samuel Lohse schwöre hiermit zu Gott, dass ich unter genauer Beachtung der Gesetze des Landes und der Landesverfassung die mir übertragene Funktion als Gemeindevorstand / Gemeindeältester nach besten Wissen und Gewissen verwalten, die mir hierbei bekannt gewordenen und Geheimhaltung erfordernden Gegenstände an Niemand, außer wenn solcher zu wissen berechtigt ist, offenbaren, mich den mir anvertrauten Geldern oder Sachen von Geldeswert, bei Vermeidung der auf die Veruntreuung gesetzten Strafen getreulich umgehen und mich allenthalben den Anordnungen meiner Vorgesetzten gemäß bezeigen will. So wahr mir Gott helfe und sein heiliges Wort durch Jesum Christum meinem Erlöser zum ewigen Leben, Amen.

Die gewählten Gemeindevertreter haben entsprechend der Landgemeindeordnung die Geschicke der Gemeinde verantwortungsvoll geführt und auch stets mit dem Rat der Stadt in Altenberg gut nachbarlich zusammengearbeitet. Dies ist aus den vorliegenden Protokollen des Gemeindebuches zu erkennen. Die letzten Eintragungen stammen von 1896.

In all den Jahren ist noch manch Interessantes geschehen über das später noch berichtet werden könnte. Heute nur noch so viel: Als eigenständige Kommune bestand Hirschsprung vom 15.04.1839 bis zum 31.12.1964, also fast 125 Jahre. Ab 01.01.1965 sind wir Hirschsprunger zusammen mit unseren rührigen, damaligen Bürgermeister Alfred Beer als Ortsteil nach Altenberg gegangen. Bis 2009 hatten wir im Altenberger Stadtrat auch stets unsere Vertreter. Leider reichen heutzutage unsere schwachen Stimmen nicht für ein Mandat.

 

* Weicholdswälder Vorwerke standen in der Nähe des heutigen Jägersteigs. Sie sind infolge geringer Ertragslage vor allem in trockenen Jahren nicht mehr betrieben worden. Als letzte wurden erst das Lungkwitzer Vorwerk 1835 und später das Fischer Vorwerk 1864 aufgegeben. Die Flächen wurden später vom Staatsforst gekauft und nach und nach aufgeforstet.

 

Quellen:

  • Chronik der Gemeinde Hirschsprung von Artur Klengel, 1951.
  • Gemeindebuch Hirschsprung Blatt 1 & 5 , Kopien von Akten, Protokoll, 1839.

 

Dieter Böttrich; 06.03.2014